5. Estland (EE)

Datum

13.1.2022

Lesezeit

6 Minuten

Autor

Autorin

Prof. Dr. Bernd-Peter Lange

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Über den Autor

Über die Autorin

Prof. Dr. Bernd-Peter Lange

Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Estland gehört zu dBlick auf Tallin.jpgen baltischen Staaten und grenzt im Osten an Russland und im Süden an Lettland. Nach Norden liegt es am Finnischen Meerbusen und nach Westen an der Ostsee. Estland hat sehr gute Beziehungen besonders zu Finnland, aber auch gute kulturelle Verbindungen zu Deutschland. Die Hauptstadt ist Tallin, das frühere Reval. Estland umfasst 45.339 Quadratkilometer und ist damit etwas größer als die Schweiz und etwas kleiner als das deutsche Bundesland Niedersachsen. Estland hat eine Bevölkerung von 1,33 Millionen und damit 29 Einwohner pro Quadratkilometer. Es ist also ein relativ dünn besiedeltes Land. Estland ist heute eine parlamentarische Demokratie.

1. Geschichte

Der Deutsche Orden setzte sich mit seinen Bestrebungen der Christianisierung im Gebiet des heutigen Estland fest. 1252 übernahm er mit den dortigen Vasallen die autonome Landesverwaltung. 1561 endete die Herrschaft des Deutschen Ordens. Danach übernahmen die Städte der Hanse, – ein Bund von 194 Städten in 16 Ländern -Selbstverwaltungsaufgaben. Hansestädte sind: Lübeck, Wismar und Danzig in Deutschland, Riga in Lettland, Deventer in den Niederlanden, Visby in Schweden, Bergen in Norwegen, La Rochelle in Frankreich, Turku in Finnland, aber auch Städte im Inland wie Dortmund. Die Oberschicht der Staatsbürger in Estland und die Gutsbesitzer waren deutschsprachig. Bis 1885 war Deutsch Unterrichts- und Behördensprache.

Der große Nachbar nach Osten

Im Großen nordischen Krieg eroberte das zaristische Russland das Gebiet, das dann von 1710 bis 1918 die „Ostseeprovinz Gouvernement Estland“ bildete. Auf Grund einer Russifizierungs- Kampagne der russisch-zaristischen Regierung nach 1885 löste dann russisch die deutsche Sprache als Amtssprache ab. Russland zeigte sich auch hier als imperialistisches, expansives Land, und dies unabhängig von der Staatsform. Das betraf das Zarenreich genauso wie die Sowjetunion und auch das heutige autokratische Regime unter Putin.

Gut 20 Jahre unabhängig

Während des Zerfalls des russischen Zarenreiches im Zusammenhang mit der Oktober-Revolution von 1917 erlangte Estland am 24. 2. 1918 die Unabhängigkeit. Die Estnische Verfassungsgebende Versammlung bestätigte am 24. 11. 1918 das aktive und passive Wahlrecht für Männer und Frauen. Es orientierte sich damit an westlichen Vorbildern. 1921 wurde Estland Mitglied im Völkerbund.

50 Jahre geknechtet

Durch den Hitler-Stalin Pakt von 1939 wurde das gesamte Baltikum (3 Staaten) der sowjetischen Einfluss Sphäre zugeschlagen. 1940/41 wurden massenhaft Esten, vorrangig aus dem Besitz- und Bildungsbürgertum ins Innere des kommunistischen Reiches, meist gleich in den Gulag deportiert.

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 war Estland von deutschen Truppen besetzt. Auch hier exekutierte das nationalsozialistische Regime seine Genozid Politik.  Etwa 1000 einheimische Juden und ca. 10 000 Juden aus Ost- und Mitteleuropa wurden in Estland im Holocaust ermordet.

1944 wurde Estland erneut von Russland annektiert, diesmal von der Roten Armee. Wieder kam es zu Deportationen. In der Sowjetunion war es verboten, Lieder aus Vaterlandsliebe zu einem anderen Land als der Sowjetunion zu singen. Hierzu gehörten die Hymnen der baltischen Staaten. Bei Verstößen drohte die Deportation nach Sibirien.

Der Weg in die Unabhängigkeit

1988 in der Zeit der Perestroika versammelten sich auf dem Sängerfestplatz in Tallin 300 000 Esten, um erstmals wieder ihre Hymne „Mein Vaterland, mein Glück und meine Freude“ gemeinsam zu singen. Damit begann die „Singende Revolution“, die 1991 zur erneuten Unabhängigkeit führte. Hunderttausende sangen patriotische Lieder und am 23. August 1989, genau 50 Jahre nach Abschluss des perfiden Hitler-Stalin-Paktes bildeten 2 Millionen Menschen eine Kette von Tallin über Riga nach Vilnius über 600 Kilometer, den „baltischen Weg“ (Wikipedia). Im Gegensatz zu Lettland und Litauen hatte die Unabhängigkeitsbewegung in Estland keine Toten zu beklagen.

2. Grunddaten  

Nach einem Referendum im Jahre 2003 wurde Estland 2004 Mitglied in der EU und trat 2011 dem Euro bei. Seit 2004 ist Estland  Mitglied der Nato. Dies ist besonders wichtig, da die Sowjetunion zwischen 1945 und 1990 eine gezielte Ansiedlung nicht estnischer Einwohner, insbesondere von Russen betrieben hat. So sollte in der Sowjetrepublik die Zusammensetzung der Bevölkerung zu Ungunsten der Esten verschoben werden. 2017 waren von der Bevölkerung 69% Esten, 25% Russen und 1,8% Ukrainer. Für Putin sind die dortigen Russen immer noch ein Faustpfand, mit deren „Schutz“ er eine Invasion in dies souveräne Land „rechtfertigen“ könnte. Diese Befürchtung ist nicht an den Haaren herbeigezogen. So hatte Russland die Souveränität der Ukraine völkerrechtlich verbindlich anerkannt gehabt. Dessen ungeachtet hat Russland die Krim annektiert und im Donbass den Separatismus aktiv unterstützt. Die älteren Russen in Estland tun sich schwer, die Sprache zu erlernen, um die estnische Staatsbürgerschaft zu erlangen.

Einschätzung

„Die Gefahr einer direkten Auseinandersetzung gilt als niedrig, aber mehr als 25 Jahre nach der Wiederherstellung der estnischen Unabhängigkeit gibt es noch immer kein von beiden Seiten ratifiziertes Grenzabkommen“ (Konrad Adenauer Stiftung 2018). Estland pocht auf das Friedensabkommen von Tartu aus dem Jahre 1920.  Russland jedoch bevorzugt die Grenzziehung von 1990, die ihm Gebiete des früheren Estland erhält.

Entwicklungstendenzen

Im Gegensatz zu den Wohlfahrtstaaten Skandinaviens ist Estland eher durch marktliberale Züge der Wirtschaftsorganisation gekennzeichnet. Die Wachstumsraten des BIP waren seit dem EU Beitritt 2004 sehr hoch, nur 2009 gab es einen Einbruch von minus 14,4%. 2oo6 wuchs die Wirtschaft beispielsweise um 10,8%, 2007 um 7,6%, 2011 schon wieder um 7,4% und 2017 um 4,9%. Lag das BIP pro Kopf kaufkraftbereinigt 2005 bei 19.765,-, so waren es 2017 schon 31.750,- US Dollar. Damit lag Estland also schon über dem europäischen Durchschnitt.

Die Wirtschaftsstruktur

Sie ist gekennzeichnet durch Holz- und Möbelindustrie, Elektronik, Nahrungsmittelindustrie und im Energiebereich durch den unter Umweltaspekten sehr umstrittenen Abbau von Ölschiefer. In der Entwicklung und Anwendung der Informationstechnologie ist Estland weltweit vorne. Hier wurde Skype erfunden. In Estland können politische Abstimmungen für alle online durchgeführt werden. Es gibt die Möglichkeit einer E-Residency (Wohnsitz) für Ausländer: Verschlüsselung von Dokumenten, Erstellung von Bankkonten, Gründung von Unternehmen. Estland kann also als Vorbild bei der Digitalisierung gelten. Die estnische Wirtschaft leidet trotz der guten wirtschaftlichen Entwicklung unter dem Problem der Abwanderung junger, gut qualifizierten Arbeitskräfte.

Die Staatsverschuldung lag 2017 bei sensationell niedrigen 9%!

Die Tradition des Estnisches Sängerfestes wurde 1869 gegründet, ToBreatheAsOne – Flickr , CC BY-SA 2.0

Leben und Kultur

Estland ist eine singende Nation. Die größte Volksliedersammlung der Welt umfasst 133 000 aufgenommene Lieder! (Visit Estonia). Obwohl die Esten nicht sehr religiös sind, glauben 69%, dass Bäume, besonders in den Märchenwäldern, eine Seele haben. Eine alte Eiche mitten auf einem Fußballfeld wurde 2015 zu Europas Baum des Jahres erkoren. Sie gilt als 23. Feldspieler!

Das Nationalgericht Estlands ist „Verivorst“, eine deftige Blutwurst, die vorrangig im Winter gegessen wird.

Der HDI lag 2016 bei 0,865 – ein hoher Wert, angesichts der oft tragischen Geschichte!

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Über die Autoren

Prof. Dr. Bernd-Peter Lange

Dr. Jutta Lange-Quassowski

Der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Bernd-Peter Lange studierte Rechts- und Staatswissenschaften in Bonn, wo er die 1. jur. Staatsprüfung 1963 ablegte. 1966 erwarb er den Diplom Volkswirt und wurde 1967 zum Dr. jur. promoviert.

Nach seiner Mitarbeit am Institut für Konzentrationsforschung an der Freien Universität Berlin hat er 1972 eine umfassende Analyse der Antitrust-Politik in de n USA veröffentlicht.

Zunächst war er drei Jahre als Assistenzprofessor am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der FU Berlin tätig. Von 1974 bis zu seiner Emeritierung 2004 hatte er einen Lehrstuhl für Wirtschaftstheorie an der Universität Osnabrück. Neben der Lehrtätigkeit war er stark in der akademischen Selbstverwaltungengagiert. Gleichzeitig war er Mitglied in zahlreichen Kommissionen der wissenschaftlichen Politikberatung sowohl auf der Ebene einzelner Bundesländer wie auch auf der Ebene der Bundesrepublik.

Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Medienökonomie, Technik-Folgenabschätzung und Krisenanalysen aus wirtschaftlicher, sozialer und rechtlicher Sicht.

Eine neue Aufgabe

Von Anfang 1993 bis Ende 1999 war er beurlaubt, um das Europäische Medieninstitut in Düsseldorf als dessen Generaldirektor zu leiten. Das Institut hatte Mitarbeiter aus 12 verschiedenen Ländern. Schwerpunkte der Arbeit dort waren

  • die unabhängige Beobachtung der Medien bei Wahlen in zentral- und osteuropäischen Ländern im Auftrag der EU Kommission mit mehr als 30 umfassenden Missionen
  • die jährliche Veranstaltung eines europäischen Film- und Fernsehforums, jeweils in einem anderen europäischen Land und
  • die vergleichende Medienforschung.

Er hat zahlreiche Artikel und umfassende Publikationen zu den Forschungsschwerpunkten verfasst, sowie zu den Themen des Europäischen Medieninstituts.

Er ist Inhaber des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse seit Mai 2001.

Dr. Jutta Lange-Quassowski, seine Frau ist Diplom Politologin (Berlin) und promovierte in Göttingen zum Dr. disc. pol.

Sie leitete gut 25 Jahre die Ernst-Strassmann-Stiftung. Schwerpunkt der Arbeit war die Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit.

Zusätzlich ist sie kontinuierlich ehrenamtlich tätig und ist intensiv in die Arbeit an Europaedia eingebunden.

Sie sind glücklich verheiratet und haben 3 Söhne und 3 Enkelkinder.

Fakten, Mythen und die Seele Europas.

Bei Europaedia geht es um die verständliche Präsentation von Fakten und das Hinterfragen von Narrativen. Wir wollen nicht nur Probleme aufzeigen, sondern auch die „Seele“ der europäischen Gemeinschaft – ihre Kultur und Werte.

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