13. Litauen (LT)

Datum

6.7.2024

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6 Minuten

Autor

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Prof. Dr. Bernd-Peter Lange

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Über den Autor

Über die Autorin

Prof. Dr. Bernd-Peter Lange

Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Litauen ist das südlichste der drei baltischen Staaten. Es grenzt im Norden an Lettland, im Osten an Weißrussland, im Südosten an Polen und im Süden an die russische Exklave Kaliningrad, das frühere preußische Königsberg und Masuren. Hauptstadt ist Vilnius. Litauen wurde 2004 Mitglied der EU und ebenso der Nato. 2007 trat es dem Schengen Raum bei, wobei ein erleichtertes Einreisen ermöglichte wurde. 2015 erfolgte dann der Beitritt zur Eurozone.

Litauen umfasst 65.286 Quadratkilometer. 2,8 Millionen Menschen leben in Litauen, 1992 waren es noch 3,7 Millionen. Trotz guter wirtschaftlicher Entwicklung gibt es nach wie vor eine relativ große Auswanderung.

1. Geschichte

Die eigentliche litauische Geschichte beginnt 1253, als sich der Fürst Mindangas vom Pabst in Rom zum König segnen ließ. Dieses litauische Großfürstentum leistete erfolgreich Widerstand gegen den deutschen Orden, der sich in den nördlichen baltischen Staaten, vor allem in Riga und Reval festgesetzt hatte. In der Schlacht von Tannenberg 1410 wurde der deutsche Orden endgültig zurückgeschlagen.

Die Expansionsbestrebungen nach Osten führten 1362 zur Eroberung von Kiew. Damit geriet Litauen in Konkurrenz zu den russischen Fürstentümern, die ähnlich raumgreifend waren. Ab 1386 wurde Litauen Teil der Union Polen-Litauen. Infolgedessen ging Litauen zu Zeiten der Reformation den polnischen Weg und blieb katholisch.

Mit der dritten Teilung Polens zwischen dem zaristischen Russland, Preußen und Österreich fiel Litauen 1795 an Russland. Zwei polnisch-litauische Aufstände 1831 und 1863 wurden von Truppen des Zaren blutig niedergeschlagen.

Wechselvolle Geschichte

Im 1. Weltkrieg wurde Litauen von Deutschland 1915 besetzt. Nach Kämpfen gegen die rote Armee und polnische Truppen konnte Litauen 1918 seine Unabhängigkeit erklären. Ab 1919 gilt das aktive und passive Frauenwahlrecht. Die Republik Litauen gab sich 1922 eine Verfassung, in der sie sich zur parlamentarischen Demokratie bekannte. 1926 jedoch putschte Antanas Smetona, der bis 1940 ein diktatorisches Regime ausübte.

Ännchen von Tharau in Memel, heute Klaipeda, besungen im gleichnamigen Lied von Simon Dach, ein Sehnsuchtslied geflohener Ostpreußen nach dem 2. Weltkrieg

Am 23. März 1939 musste Litauen nach einem Ultimatum das Memel-Land, dessen Zugehörigkeit seit 1918 umstritten war, an Deutschland zurückgeben. Es stand seit 1918 auf Grund des Versailler Vertrages unter französischer Völkerbunds Verwaltung.

Unterschiedliche Besatzungszeiten

1940 wurde Litauen nach dem Hitler-Stalin-Pakt von sowjetischen Truppen besetzt. Von 1941-1944 folgte die Besetzung durch deutsche Truppen. In dieser Zeit wurde ein Großteil der jüdischen Bevölkerung und dorthin Deportierte von SS und Einsatzgruppen ermordet, insgesamt 135 000. (Angaben von Yad Vashem in Israel).

Nach 1944 schloss sich erneut die Okkupation durch die kommunistische Sowjetunion an – „Wiederbegründung der Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik“, die bis 1990 andauerte. Auch dies war wieder eine schreckliche Zwangsherrschaft: Der Diktator Stalin ließ 1949 in einer dritten großem Deportationswelle zehntausende „staatsfeindliche Elemente“ nach Sibirien deportieren.

Die singende Revolution

Im Zuge der von Michail Gorbatschow eingeleiteten Perestroika (Umgestaltung), die im Baltikum die „singende“ Revolution auslöste, erklärte sich Litauen als erste Sowjetrepublik zum souveränen Staat. Am 13.1.1991, dem Blutsonntag von Vilnius, versuchten Streitkräfte der Sowjetunion, Spezialkräfte des sowjetischen Innenministeriums des Inlandsgeheimdienstes (OMON) und des KGB – das sind die, die seit August 2020 in Minsk die friedlich und unbewaffnet demonstrierenden Frauen verhaften und brutal foltern – , erfolglos die junge Demokratie mit Panzern buchstäblich niederzuwalzen. 14 jugendliche Demonstranten wurden am Fernsehturm, ihrem Symbol der Freiheit, erschossen und mehr als 1000 verletzt.

Auswirkungen bis heute hin

Hier in Litauen war es mit der Perestroika offenbar nicht weit her … Es wird daher verständlich, wieso die litauische Bevölkerung sich besonders solidarisch zeigt mit den Protesten gegen die gefälschte Präsidentenwahl in Weißrussland und gegen den Diktator Lukaschenko. Für Deutschland ist es vor diesem historischen und aktuellen Hintergrund ein großes Glück, dass die friedliche Revolution 1989 in der früheren DDR nicht mit Gewalt durch die Sowjetunion unterdrückt worden ist wie der Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953, in Ungarn 1956 und in Prag 1968.

2. Grunddaten

Zur Kennzeichnung der Wirtschaftsstruktur des Landes sei erwähnt, dass 32% des BIP durch den Einzelhandel, den Verkehrssektor und das Hotel- und Gaststättengewerbe erwirtschaftet wird. Es folgt die Industrie mit 30%. 14% entfallen auf die öffentliche Verwaltung, den Bildungssektor und das Gesundheits- und Sozialwesen. Die Ausfuhren gehen zu 59% in andere EU Länder, 69% werden von dort importiert.

2018 beliefen sich die Gesamtausgaben der EU in Litauen auf 2,07 Milliarden Euro, was 4,8% der Wirtschaftsleistung des Landes ausmacht. Die Gelder werden für den Straßenbau, die Förderung der Forschung und den Umweltschutz verwandt. Der Gesamtbeitrag Litauens zum EU Haushalt belief sich im gleichen Jahr auf 0,356 Milliarden Euro. Dies entspricht 0,65% der Wirtschaftsleistung. Litauen ist also ein Nettoempfänger Land. Die EU Zahlungen tragen damit zu einem wesentlichen Teil zum Wachstum des BIP bei.

Soziale Situation

Das BIP pro Kopf Kaufkraft bereinigt lag 1995 bei 6.786,-US Dollar im Jahr, 2007 bei 21.319,- und 2017 bei 32.298,- US Dollar. Berücksichtigt man, dass Litauen wie andere Länder der früheren Sowjetunion den Übergang von einer völlig ineffizienten Planwirtschaft zu einer privatwirtschaftlichen Marktwirtschaft in der Konkurrenz der etablierten Marktwirtschaften des gemeinsamen Marktes der EU zu organisieren und zu verkraften hatte, so sind diese Entwicklungen als hervorragend einzustufen. Die Arbeitslosigkeit lag 2017 bei 7,1% und die Staatsverschuldung bei sensationell niedrigen 37%. Litauen ist also sehr gut in den gemeinsamen Markt der EU integriert und hat enorm von der Mitgliedschaft in der EU profitiert.

Der HDI beläuft sich auf 0,869 – „very high human development“ -. Litauen nimmt damit den 34. Platz auf der Liste von 189 Ländern ein.

Energiesituation

Im Jahre 2000 wurde der Strom in Litauen zu 75% aus Kernkraft gewonnen. 2009 ging der letzte Meiler – baugleich mit den Reaktoren von Tschernobyl – vom Netz, so wie es die EU im Beitrittsvertrag verlangt hatte. Der Ersatz sind Gas- und Schweröl Kraftwerke. Dies hat zur verstärkten Abhängigkeit Litauens von der Lieferung fossiler Brennstoffe aus Russland geführt.

Leben und Kultur

Die Dünen der Kurischen Nehrung gehören zum UNESCO Welt Natur Erbe. Thomas Mann hatte dort früher ein Sommerhaus, das heute von den Litauern in Ehren gehalten wird. Bernstein vom Ostseestrand ist ein beliebtes Mitbringsel einer Reise.

Musik ist auch in Litauen ein hervorragender Teil von Kunst und Kultur, sowie der freiheitlichen Identität der Litauer. Hier kommen die Chöre seit 100 Jahren, also seit 1924 in Vilnius zum mehrtägigen Sängerfest zusammen. In diesem Jahr sind es – angesichts der größer werdenden Bedrohung durch die in die Ukraine eingefallenen Russen – 37.000 Menschen.

Seit 2008 hat die UNO die Sangestradition der drei baltischen Staaten zum Immateriellen UNESCO-Kulturerbe ernannt.

Basketball ist Nationalsport.

Das Nationalgericht heißt Cepelinai, Kartoffelklöße mit Hackfleisch oder Quark gefüllt.

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Über die Autoren

Prof. Dr. Bernd-Peter Lange

Dr. Jutta Lange-Quassowski

Der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Bernd-Peter Lange studierte Rechts- und Staatswissenschaften in Bonn, wo er die 1. jur. Staatsprüfung 1963 ablegte. 1966 erwarb er den Diplom Volkswirt und wurde 1967 zum Dr. jur. promoviert.

Nach seiner Mitarbeit am Institut für Konzentrationsforschung an der Freien Universität Berlin hat er 1972 eine umfassende Analyse der Antitrust-Politik in de n USA veröffentlicht.

Zunächst war er drei Jahre als Assistenzprofessor am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der FU Berlin tätig. Von 1974 bis zu seiner Emeritierung 2004 hatte er einen Lehrstuhl für Wirtschaftstheorie an der Universität Osnabrück. Neben der Lehrtätigkeit war er stark in der akademischen Selbstverwaltungengagiert. Gleichzeitig war er Mitglied in zahlreichen Kommissionen der wissenschaftlichen Politikberatung sowohl auf der Ebene einzelner Bundesländer wie auch auf der Ebene der Bundesrepublik.

Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Medienökonomie, Technik-Folgenabschätzung und Krisenanalysen aus wirtschaftlicher, sozialer und rechtlicher Sicht.

Eine neue Aufgabe

Von Anfang 1993 bis Ende 1999 war er beurlaubt, um das Europäische Medieninstitut in Düsseldorf als dessen Generaldirektor zu leiten. Das Institut hatte Mitarbeiter aus 12 verschiedenen Ländern. Schwerpunkte der Arbeit dort waren

  • die unabhängige Beobachtung der Medien bei Wahlen in zentral- und osteuropäischen Ländern im Auftrag der EU Kommission mit mehr als 30 umfassenden Missionen
  • die jährliche Veranstaltung eines europäischen Film- und Fernsehforums, jeweils in einem anderen europäischen Land und
  • die vergleichende Medienforschung.

Er hat zahlreiche Artikel und umfassende Publikationen zu den Forschungsschwerpunkten verfasst, sowie zu den Themen des Europäischen Medieninstituts.

Er ist Inhaber des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse seit Mai 2001.

Dr. Jutta Lange-Quassowski, seine Frau ist Diplom Politologin (Berlin) und promovierte in Göttingen zum Dr. disc. pol.

Sie leitete gut 25 Jahre die Ernst-Strassmann-Stiftung. Schwerpunkt der Arbeit war die Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit.

Zusätzlich ist sie kontinuierlich ehrenamtlich tätig und ist intensiv in die Arbeit an Europaedia eingebunden.

Sie sind glücklich verheiratet und haben 3 Söhne und 3 Enkelkinder.

Fakten, Mythen und die Seele Europas.

Bei Europaedia geht es um die verständliche Präsentation von Fakten und das Hinterfragen von Narrativen. Wir wollen nicht nur Probleme aufzeigen, sondern auch die „Seele“ der europäischen Gemeinschaft – ihre Kultur und Werte.

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