1. Belgien (BE)

Datum

24.10.2023

Lesezeit

8 Minuten

Autor

Autorin

Prof. Dr. Bernd-Peter Lange

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Über den Autor

Über die Autorin

Prof. Dr. Bernd-Peter Lange

Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Es trifft sich gut, dass Belgien die alphabetische Liste der Mitgliedsstaaten anführt, denn Belgien gehört zu den ältesten Ländern Europas. Schon bei Julius Caesars „De bello gallico“ werden die „Belgae“ erwähnt und von seinen Truppen unterjocht. Belgien gehört zu den sechs Gründungsmitgliedern der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), also der späteren  Europäischen Union. Belgien liegt im Herzen Europas und beherbergt mit seiner Hauptstad Brüssel den Sitz der Kommission, sowie neben Straßburg auch das Europäische Parlament. Außerdem ist in Brüssel das Nato-Hauptquartier. 2/3 der Belgier sind proeuropäisch eingestellt. Belgien ist eine von fünf konstitutionellen Monarchien in der EU neben Schweden, Dänemark, den Niederlanden und Spanien. (Luxemburg ist ein Groß-Herzogtum).

1. Geschichtliche Entwicklung

Bei Caesar werden die „Belgae“ von seinen Legionären unterworfen. Die römische Herrschaft dauerte bis zu Beginn des 5. nachchristlichen Jahrhunderts. Dann folgte die Herrschaft der Merowinger und der Karolinger bis Mitte des 9. Jahrhunderts. In der wechselvollen Geschichte Belgiens folgte sowohl eine Zeit der Verbindung mit Frankreich, sowie auch mit den Niederlanden.

Im Hochmittelalter war Belgien eins der zwei Zentren der europäischen Wirtschaft mit der Tuchindustrie in Flandern. Brüsseler Spitzen zeugen heute noch von besonderer Qualität. Das andere Zentrum bildeten die norditalienischen Städte, allen voran Venedig.

Kampf um Unabhängigkeit

1504 kam Belgien unter spanisch-habsburgische Herrschaft.  Herzog Alba, Abgesandter des spanischen Königs, ließ im „Blutrat“ von Brüssel zwischen 1567 und 1573 mehr als 6000 „Aufständische“ hinrichten.  Ab 1568 kam es zu einem 80jährigen Krieg zwischen Spanien und den aus spanischer Sicht separatistischen Niederlanden. Nur  durch einen 12 jährigen Waffenstillstand war dieser unterbrochen. Aus niederländischer Sicht war es ein Krieg der Befreiung von der „Spanischen Furie“ mit dem Ziel der Selbstbestimmung. Erst der Westfälische Frieden von Münster und Osnabrück im Jahre 1648 beendete diesen. Die nördlichen Niederlande inklusive des heute belgischen Flanderns schieden damit aus dem „Heiligen Römischen Reich“ aus.

Die habsburgische Herrschaft über die spanischen südlichen Niederlande dauerte bis 1700. Nach den Napoleonischen Kriegen und der Schlacht bei  Waterloo, das in Belgien liegt, wurden Belgien und die Niederlande zu einem Land vereinigt.

Trennung von den Niederlanden

Doch die belgische Revolution von 1830 führte zur Trennung von den Niederlanden. Belgien wurde ein eigenständiger Staat als konstitutionelle Monarchie. Leopold von Sachsen-Coburg wurde der 1. König.  1885 „erwarb“ Leopold II. (1865-1909)  den Kongo in Afrika als persönliches Eigentum.  Später wurde die Kolonie auf den Staat Belgien übertragen. Es ging in dieser Kolonie um die Ausbeutung der Natur zur Kautschukgewinnung und zur Schürfung von Bodenschätzen wie Diamanten. Die „Kongogräuel“ mittels Sklaverei, Zwangsarbeit, Geiselnahme, Verstümmelungen und Vergewaltigungen hatten nach Schätzungen 8-10 Millionen Tote zur Folge. Das war etwa die Hälfte der damaligen Bevölkerung (vgl. Wikipedia).

Im Jahre 2020 hat sich der jetzige König von Belgien für die barbarische Kolonialherrschaft im Kongo entschuldigt. Im Zusammenhang mit der weltweiten Bewegung „Black Lives matter“ geht es heute auch um den Umgang mit belgischen Denkmälern für Leopold II.

Der 1. Weltkrieg

Obwohl sich Belgien im 1. Weltkrieg für neutral erklärt hatte, wurde es von Deutschland gemäß dem Schliefen Plan überfallen. Es kam zu zahlreichen deutschen Kriegsverbrechen. Schon am 25. August 1914 verwüsteten deutsche Soldaten die Stadt Leuven(Löwen) und brannten vorsätzlich die hochwertige Universitätsbibliothek nieder. Mutwillig vernichtet und unwiederbringlich zerstört wurden so 1000 Handschriften, 800 Inkunabeln und 300 000 Bücher, die in 500 jähriger Arbeit zusammengetragen worden waren. Die Deutschen ermordeten 248 festgenommene Einwohner Leuvens  und brannten 1081 Häuser nieder. Bei Gewalttaten gegen die belgische Zivilbevölkerung wurden überdies 6000 Zivilisten, auch Frauen und Kinder umgebracht. Allein bei dem Massaker von Dinant gab es 674 Tote zu beklagen.

Ein besonders schweres Kriegsverbrechen

Am 22. 4. 1915  setzten die deutschen Invasoren erstmals Giftgas (Chlorgas)  bei Ypern ein. Der deutsche Chemiker Fritz Haber hatte es entwickelt. Das war seit 1899 durch die Haager Landkriegsordnung völkerrechtlich verboten. war.  Rund 100 000 Soldaten fanden im 1. Weltkrieg an allen Fronten so einen grausamen Tod. Vergiftet wurden etwa 1,2 Millionen. Sie starben nicht nur vor Ort, sondern oft erst nach wenigen sehr qualvoll gelebten Jahren.(vgl. dazu diverse Veröffentlichungen zu Clara Immerwahr, der ersten deutschen Frau, die in Chemie promoviert wurde. Sie war mit Fritz Haber verheiratet, aber wohl  Pazifistin. Sie nahm sich am 2.5. 1915 das Leben.)

Der 2. Weltkrieg

Am 10. Mai 1940 wird Belgien im 2. Weltkrieg erneut von Deutschland überfallen und besetzt. Im Hauptkriegsverbrecherprozess in Nürnberg 1946 werden die Beschuldigten wegen der Planung und Durchführung eines nicht provozierten Angriffskrieges auf Belgien verurteilt.

Von den 1940 in Belgien lebenden 90 000 Juden wurden 25 000 im „Dritten Reich“ ermordet, also unter 30% (Bundeszentrale für politische Bildung). Im Verhältnis zu dem Nachbarland der Niederlande – dort 102.00 Ermordete und über 70% – sind das vergleichsweise sehr viel weniger. Die Gründe dafür  sind noch nicht erforscht, so Wolfgang Benz.

Britische Truppen befreiten Brüssel am 4.9.1944  von der deutschen Besatzung.

Aber die Befreiung des Nachbarlandes erfolgte erst im Mai 1945. Das bedeutet, bis zur Befreiung von Auschwitz (am 27.1.1945) konnten die Deportationszüge gen Osten rollen.

2. Grunddaten

Vascer Knorck, CC BY-Sa 3.0

Belgien ist seit den siebziger Jahren als föderaler Staat gegliedert und besteht aus 3 Regionen. Da ist: a) das niederländisch sprachige Flandern im Norden, b) das französisch sprachige Wallonien im Süden mit der kleinen deutschsprachigen Gemeinschaft und c) Brüssel als Hauptstadt, das zweisprachig ist. Belgien hat rund 11,5 Millionen Einwohner. Es gibt Spannungen zwischen den beiden großen Gemeinschaften, die sich allein schon auf Grund der unterschiedlichen Sprachen an zwei verschiedenen Nachbarn orientieren, an den Niederlanden und an Frankreich. Deshalb hat Belgiens Regierung versucht, die politische Verantwortung immer mehr zu dezentralisieren, auch um so das „geteilte“ Land zusammenzuhalten. Weitere Nachbarn sind Deutschland und Luxemburg. Im Wappen von Belgien heißt es: „L´Union fait la Force“, ( aus der Einheit ergibt sich die Stärke, eig. Übersetzung).  Dieser  Slogan könnte auch für die gesamte EU stehen.

Belgien zählt 374 Einwohner pro Quadratkilometer und zählt damit zu den am dichtesten besiedelten Staaten Europas. Der Anteil der Stadtbewohner an der Bevölkerung macht 98% aus.

Wirtschaftliche Situation

Belgien kann als Gründungsmitglied der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl von 1952 auf eine große industrielle Tradition zurückblicken. Heute jedoch herrscht der Dienstleistungssektor mit einem Anteil von 77% am BIP vor. Die verarbeitende Wirtschaft der pharmazeutischen, chemischen und der Lebensmittelindustrie hat einen Anteil von 17%. Von den Exporten gehen 70% in andere EU Länder, allen voran nach Deutschland, Frankreich und in die Niederlande. Belgien lebt von einem strukturellen Exportüberschuss. Durch die Einbindung in den gemeinsamen Europäischen Markt hat sich Belgiens Wirtschaft hervorragend entwickelt was an der BIP Veränderung (reale Abweichung gegenüber 2008 bis 2017) abzulesen ist, die in Deutschland 11,7%, in Belgien nur 9,1%  in der EU (28) 7,7% beträgt. Damit hat die belgische Wirtschaft die Krise ab 2008 besser als viele andere EU Staaten überwunden. Das BIP pro Kopf liegt bei 41 200,- Euro jährlich, d.h. erheblich höher als der EU Durchschnitt von 31 110,-Euro.

Problem Atomstrom

Die Stromerzeugung Belgiens erfolgt zu ca. 25% durch seine beiden Atomkraftwerke. Das 35 bis 45 Jahre alte (verschiedene Blöcke) Kraftwerk Tihange 2 in der Nähe von Aachen führt immer wieder zu Verängstigungen der grenznahen Bevölkerung, denn es hat eine hohe Störanfälligkeit. Das sind u.a. Haarrisse im maroden Beton. Belgien hat beschlossen, bis 2025 aus der Atomkraft zur Stromerzeugung auszusteigen. 2016 wurde eine Laufzeitverlängerung beschlossen ohne Umweltverträglichkeitsprüfung. Das wurde vom EUGH gerügt. Trotz des noch hohen Anteils an Atomstrom, gehört „der CO²-Ausstoß (Kohlendioxid) pro Kopf des Landes … zu den weltweit höchsten“ (Wikipedia).

Soziale Situation

Der Schuldenstand Belgiens lag 2019 bei 98,6% des BIP. Für 2020 wegen der Folgen der Corona Pandemie wird ein Anstieg auf 115% erwartet. Außerdem geht man davon aus, dass die Arbeitslosenquote, die im Mai 2019 bei 5,4% lag, 2020 auf 7% ansteigt. Der EU Bericht zum notwendigen Reformprogramm Belgiens von 2020 hat einen strukturellen Mangel an der Verfügbarkeit von Gesundheitspersonal festgestellt. Belgien wird mit Recht aufgefordert zur Gewährleistung eines ausreichenden Bestandes an kritischen medizinischen Produkten. Außerdem wird angemahnt, dass Belgien, wenn die Wirtschaftskrise in Folge der Corona Pandemie überwunden sein wird, alles tut, um die Verschuldung abzubauen, um in Übereinstimmung mit den Maastricht Kriterien zu kommen.

Der HDI (Human Development Index) für Belgien 2018 beträgt 0,919. Belgien belegt damit den Rang 17 von 189 Ländern – glückliches Belgien!

Der große Markt in Antwerpen, Maros, CC BY.SA 3.0

Leben und Kultur

Zum Schluss, Belgien kulturell und kulinarisch, rein subjektiv: Einer der bedeutendsten europäischen Maler ist der 1599 in Antwerpen geborene Anthonis van Dyck, Repräsentant des flämischen Barock. Er war auch ein freier Mitarbeiter von Peter Paul Rubens. In heutiger Zeit erfreut der Violinist André Rieu mit seinem Johann-Strauß-Orchester  die Herzen seiner Fans in aller Welt. Er konzertiert mit seinen leicht klassischen Konzerten auch auf vielen großen Marktplätzen in Belgien  –  manchmal zum Mitsingen ermunternd.

Die Belgier lieben hochprozentiges Bier. Der Belgier spricht bei weniger als 8% Alkoholgehalt von Wasser. Als typisches Gericht gilt „Moules frites“, Miesmuscheln mit Pommes frites.

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Über die Autoren

Prof. Dr. Bernd-Peter Lange

Dr. Jutta Lange-Quassowski

Der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Bernd-Peter Lange studierte Rechts- und Staatswissenschaften in Bonn, wo er die 1. jur. Staatsprüfung 1963 ablegte. 1966 erwarb er den Diplom Volkswirt und wurde 1967 zum Dr. jur. promoviert.

Nach seiner Mitarbeit am Institut für Konzentrationsforschung an der Freien Universität Berlin hat er 1972 eine umfassende Analyse der Antitrust-Politik in de n USA veröffentlicht.

Zunächst war er drei Jahre als Assistenzprofessor am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der FU Berlin tätig. Von 1974 bis zu seiner Emeritierung 2004 hatte er einen Lehrstuhl für Wirtschaftstheorie an der Universität Osnabrück. Neben der Lehrtätigkeit war er stark in der akademischen Selbstverwaltungengagiert. Gleichzeitig war er Mitglied in zahlreichen Kommissionen der wissenschaftlichen Politikberatung sowohl auf der Ebene einzelner Bundesländer wie auch auf der Ebene der Bundesrepublik.

Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Medienökonomie, Technik-Folgenabschätzung und Krisenanalysen aus wirtschaftlicher, sozialer und rechtlicher Sicht.

Eine neue Aufgabe

Von Anfang 1993 bis Ende 1999 war er beurlaubt, um das Europäische Medieninstitut in Düsseldorf als dessen Generaldirektor zu leiten. Das Institut hatte Mitarbeiter aus 12 verschiedenen Ländern. Schwerpunkte der Arbeit dort waren

  • die unabhängige Beobachtung der Medien bei Wahlen in zentral- und osteuropäischen Ländern im Auftrag der EU Kommission mit mehr als 30 umfassenden Missionen
  • die jährliche Veranstaltung eines europäischen Film- und Fernsehforums, jeweils in einem anderen europäischen Land und
  • die vergleichende Medienforschung.

Er hat zahlreiche Artikel und umfassende Publikationen zu den Forschungsschwerpunkten verfasst, sowie zu den Themen des Europäischen Medieninstituts.

Er ist Inhaber des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse seit Mai 2001.

Dr. Jutta Lange-Quassowski, seine Frau ist Diplom Politologin (Berlin) und promovierte in Göttingen zum Dr. disc. pol.

Sie leitete gut 25 Jahre die Ernst-Strassmann-Stiftung. Schwerpunkt der Arbeit war die Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit.

Zusätzlich ist sie kontinuierlich ehrenamtlich tätig und ist intensiv in die Arbeit an Europaedia eingebunden.

Sie sind glücklich verheiratet und haben 3 Söhne und 3 Enkelkinder.

Fakten, Mythen und die Seele Europas.

Bei Europaedia geht es um die verständliche Präsentation von Fakten und das Hinterfragen von Narrativen. Wir wollen nicht nur Probleme aufzeigen, sondern auch die „Seele“ der europäischen Gemeinschaft – ihre Kultur und Werte.

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