Unsere Heimat Europa und mein Beitrag

Datum

15.2.2022

Lesezeit

6 Minuten

Autor

Autorin

Prof. Dr. Bernd-Peter Lange

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Über den Autor

Über die Autorin

Prof. Dr. Bernd-Peter Lange

Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Frieden, Freiheit, Freundschaft, Fairness, Future

Die Autorin ist die Kulturdezernentin der Stadt Koblenz,

Frau PD Dr. Margit Theis-Scholz

Offene Grenzen

In vielen Diskussionen und Debatten vor der Europawahl 2019 fand die Tatsache häufig Erwähnung, dass die offenen Grenzen sowie internationale Reisemöglichkeiten und die unkompliziert gewordenen Begegnungen über Ländergrenzen hinweg zur Selbstverständlichkeit geworden seien. Junge Generationen könnten gar nicht mehr nachvollziehen, von welcher Bedeutung die Versuche zur Völkerverständigung für das gesamte Nachkriegseuropa gewesen seien und vor allem für die von großer Schuld belastete deutsche Nachkriegsgesellschaft.

Pandemie

Heute, zwei Jahre später, sind wir als Weltbevölkerung mit den Auswirkungen einer Pandemie konfrontiert.  Neben vielen anderen gravierenden Einschränkungen hat sie Grenzschließungen sowie Reise- und Kontaktverbote zur Folge.  Damit schränkt sie gerade die jungen Menschen in ihren alters- und lebenstypischen Gewohnheiten deutlich ein und fordert sie heraus – mit noch unabsehbaren Folgen für die Entwicklung einer ganzen Generation, aber auch unserer Gesellschaft.

Die Gelegenheiten, unbeschwert und mit Neugier andere Länder und Kulturen kennen zu lernen, internationale Begegnungen mit der Chance den eigenen Horizont zu erweitern und Bekanntschaften und Freundschaften jenseits von trennenden Grenzzäunen einzugehen, sind derzeit mehr als erschwert.

Reiseführer und Fernweh

Carl Friedrich Baedeker gründete im 19. Jahrhundert sein Verlagshaus für Reiseführer in Koblenz. Und mit seinen Reisebeschreibungen legte er den Grundstein für eine europäisch sich ausweitende dynamische touristische Mobilität. Diese entwickelte sich ausgehend vom Mittelrheintal zur Entdeckungsfreude zunächst in das europäische Ausland und dann auf Fernreisen hin.

EU Programme und Handel und Kultur

Mit dem zunehmend uneingeschränkten Reiseverkehr in Europa in den vergangenen Jahrzehnten ging auch eine Öffnung des Handels sowie des gegenseitigen Austauschs in der Bildung und auch der Kultur einher, um nur diese stellvertretend für unsere Gesellschaft bedeutsamen Bereiche zu nennen. Im gleichen Kontext stehen sowohl die im Vergleich zu der Nachkriegsgeneration beachtlich angestiegene Multilingualität vieler Jugendlicher durch das Fremdsprachenangebot in Schulen. Wie  auch die erfolgreich verlaufenen Maßnahmen zur Standardisierung europäischer Bildungsabschlüsse und auch die Anregung des gegenseitigen Bildungs- und Wissenstransfers u.a im Kontext der Programme Sokrates und Erasmus  ihren Teil beitragen.

Im kulturellen Sektor hat Europa in den vergangenen Jahrzehnten ganz offenkundig seine Grenzen überwunden. Orchester und Theater, Tanzensembles und Chöre sind heutzutage fast ausschließlich international besetzt. Die nationale Herkunft spielt eine sehr untergeordnete Rolle im grenzfreien Brückenschlag von Kulturprogrammen.

Staatengemeinschaft mit festem Fundament

Europa bildet – trotz der Konfliktsituationen im Zuge des Brexit sowie mangelnder Uneinigkeit vor allem in Bezug auf den Umgang mit Migration und auf die Grenzsicherungen – immer noch eine Staatengemeinschaft mit festem Fundament.

Die Pandemie lässt uns aber auch deutlich werden, wie schnell unter dem Eindruck einer so enormen Herausforderung nationale Begehrlichkeiten als egoistische Mechanismen zu greifen drohen.

Gemeinsame Strategien

Die Verantwortung für die Versäumnisse bei der Entwicklung einer gemeinsamen Impfstrategie wird ins ferne Brüssel übertragen.  Nationale Regierungen  dagegen präsentieren sich gerne als zupackend und nahe an den Ängsten und Sorgen der Bevölkerungen. Das ist ein Muster, wie es Europa-Politikern nur allzu bekannt ist.

Dennoch kann das gemeinsame Auftreten Europas in dem Bemühen um die Sicherung von Impfstoff als wichtiges Signal und als Botschaft geeinter Stärke gewichtet werden.

Können wir uns glücklich schätzen, in einer so belasteten Epoche Europa als unsere Heimat bezeichnen zu können?

Diese Frage kann vor dem Hintergrund einer sieben Jahrzehnte währenden Erfolgsgeschichte, die voller Frieden und wachsender wirtschaftlicher Prosperität ist, uneingeschränkt bejaht werden.

Fragen für die Zukunft

Dennoch werden vielfältige hypothetische Annahmen diskutiert, wohin sich Europa während und nach der Pandemie entwickeln wird.

Die Folgen sind noch lange nicht absehbar. Wir sind als Gesellschaft gegenwärtig mit ungelösten Fragen hinsichtlich unseres eigenen Alltages so stark beansprucht, dass für Debatten bezüglich offener Zukunftsfragen, die von gesamteuropäischer, ja weltweiter Relevanz sind, kaum mehr Raum bleibt. Eine junge Generation, die sich weltweit aufgemacht hatte, dem Klimawandel und den zugrundeliegenden Strukturen mutig entgegen zu treten, ist in den Hintergrund geraten.

Im kulturellen Bereich richten wir den Blick momentan auf den Erhalt der regionalen Kulturlandschaft und deren Existenzkampf. Dabei wird die Öffnung von Kultureinrichtungen sowie Auftrittsmöglichkeiten für lokale Kulturakteure sobald wie vertretbar angestrebt.

Es muss uns aber bewusst sein, dass es sich hierbei nur um eine kurzfristige Handlungsmaxime handeln darf.  Schon bald muss der grenzüberschreitende Austausch und das Aufnehmen und Aussenden neuer Impulse länderübergreifend erneut in den Vordergrund treten.

Wie geht es mit Städtepartnerschaften weiter?

Wir werden künftig Vieles neu in den Blick nehmen müssen. In meinem Verantwortungsbereich als Bildungs- und Kulturdezernentin der Stadt Koblenz liegt auch die Pflege der Städtepartnerschaften. Die Bande zwischen Partnerstädten beruhen ursprünglich auf dem Wunsch, freundschaftliche Beziehungen zwischen europäischen Städten zu knüpfen, um auf diese Weise internationale Kooperationen, aber vor allem persönliche Begegnungen zu initiieren.

Dieses Modell ist durch die immer alltäglicher gewordene Internationalität und den weltweiten digitalen Kontaktaustausch in jüngerer Vergangenheit vor allem auf das bürgerschaftliche Engagement Einzelner zurück geschrumpft. Und es hat deshalb im gemeinsamen öffentlichen Bewusstsein nur noch geringere Bedeutung. Jetzt, im zweiten Jahr der Pandemie sind die Städtepartnerschaften dadurch vor eine weitere Bewährungsprobe gestellt. Sind die über Jahre entwickelten und routiniert eingespielten gegenseitigen Bestätigungen der Freundschaft zwischen Kommunen tatsächlich noch zeitgemäß? Oder tragen sie vielleicht sogar darüber hinaus das Potenzial für eine wie auch immer geartete Renaissance in sich? Wir werden uns auch diesen Fragen nach überstandener Pandemie stellen.

Krisen und daraus erwachsende Chancen

In Krisen zeichnen sich immer auch Potenziale und Chancen für Kehrtwenden ab. Eine solche Diskussion mit Blick auf die europäische Union und die Zukunft eines gemeinsamen Europa greift aktuell noch zu kurz.

Es lässt sich auch noch nicht antizipieren, wie vor allem die junge Generation sich in der Zeit danach ihr Leben in Europa zurück erobern wird. Wie verantwortungsvoll wird deren Umgang mit wiedergewonnen Freiheiten sein? Wird es einen beinahe unersättlichen Nachholbedarf geben? Oder wird es tendenziell eher gezielte touristische Entdeckungstouren durch Europa und darüber hinaus geben? Werden Bewegungen wie Fridays for Future oder Pulse of Europe mit einer ganz neuen Virulenz zurückkehren?

Es bleibt abzuwarten, in welcher Weise das europäische Miteinander und die damit verbundene politische Kultur Änderungen unterworfen werden sein werden.

Identitätsstiftung durch Bildung und Kultur

Bildungs-und Kulturpolitik können bei künftigen gesellschaftlichen Transformationsprozessen eine identitätsstiftende und auch eine generationsübergreifende Funktion zur Herstellung eines gesellschaftlichen Konsenses erfüllen.

Meine Überzeugung und mein Bekenntnis für die Idee eines gemeinsamen politischen Europas bleibt Kompass in meinem verantwortlichen Handeln.

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Über die Autoren

Prof. Dr. Bernd-Peter Lange

Dr. Jutta Lange-Quassowski

Der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Bernd-Peter Lange studierte Rechts- und Staatswissenschaften in Bonn, wo er die 1. jur. Staatsprüfung 1963 ablegte. 1966 erwarb er den Diplom Volkswirt und wurde 1967 zum Dr. jur. promoviert.

Nach seiner Mitarbeit am Institut für Konzentrationsforschung an der Freien Universität Berlin hat er 1972 eine umfassende Analyse der Antitrust-Politik in de n USA veröffentlicht.

Zunächst war er drei Jahre als Assistenzprofessor am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der FU Berlin tätig. Von 1974 bis zu seiner Emeritierung 2004 hatte er einen Lehrstuhl für Wirtschaftstheorie an der Universität Osnabrück. Neben der Lehrtätigkeit war er stark in der akademischen Selbstverwaltungengagiert. Gleichzeitig war er Mitglied in zahlreichen Kommissionen der wissenschaftlichen Politikberatung sowohl auf der Ebene einzelner Bundesländer wie auch auf der Ebene der Bundesrepublik.

Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Medienökonomie, Technik-Folgenabschätzung und Krisenanalysen aus wirtschaftlicher, sozialer und rechtlicher Sicht.

Eine neue Aufgabe

Von Anfang 1993 bis Ende 1999 war er beurlaubt, um das Europäische Medieninstitut in Düsseldorf als dessen Generaldirektor zu leiten. Das Institut hatte Mitarbeiter aus 12 verschiedenen Ländern. Schwerpunkte der Arbeit dort waren

  • die unabhängige Beobachtung der Medien bei Wahlen in zentral- und osteuropäischen Ländern im Auftrag der EU Kommission mit mehr als 30 umfassenden Missionen
  • die jährliche Veranstaltung eines europäischen Film- und Fernsehforums, jeweils in einem anderen europäischen Land und
  • die vergleichende Medienforschung.

Er hat zahlreiche Artikel und umfassende Publikationen zu den Forschungsschwerpunkten verfasst, sowie zu den Themen des Europäischen Medieninstituts.

Er ist Inhaber des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse seit Mai 2001.

Dr. Jutta Lange-Quassowski, seine Frau ist Diplom Politologin (Berlin) und promovierte in Göttingen zum Dr. disc. pol.

Sie leitete gut 25 Jahre die Ernst-Strassmann-Stiftung. Schwerpunkt der Arbeit war die Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit.

Zusätzlich ist sie kontinuierlich ehrenamtlich tätig und ist intensiv in die Arbeit an Europaedia eingebunden.

Sie sind glücklich verheiratet und haben 3 Söhne und 3 Enkelkinder.

Fakten, Mythen und die Seele Europas.

Bei Europaedia geht es um die verständliche Präsentation von Fakten und das Hinterfragen von Narrativen. Wir wollen nicht nur Probleme aufzeigen, sondern auch die „Seele“ der europäischen Gemeinschaft – ihre Kultur und Werte.

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