CCS, CMS, Das – umstrittene – Speichern von CO², EU-Richtlinie erneuert ; Beispiel Zementindustrie

Datum

10.11.2025

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8 Minuten

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Prof. Dr. Bernd-Peter Lange

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Über den Autor

Über die Autorin

Prof. Dr. Bernd-Peter Lange

Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Industriepolitik der EU:

CCS: Wie und wo CO² eingefangen und gelagert werden kann

Alle mit fossilen Brennstoffen betriebenen Fahrzeuge produzieren z.B. CO² und pusten es in die Luft. Aber diese Abgase abzufangen, wäre ein kostspieliges und nicht zu bewältigendes Unterfangen. Um diese Gifte in den Griff zu bekommen, hat die EU eine Richtlinie, das EHS, die Emissionshandels Richtlinie auf den Weg gebracht. Mit dem ETS, dem Emissionshandelssystem wird geregelt, welche Zertifikate z.B. Autohersteller erwerben müssen und wie die Kosten dafür steigen.

In den Emissionen der Industrie dagegen ließe sich der Prozess des Abfangens der Umweltgifte bewerkstelligen. Das eingefangene Abgas müssen die Betriebe dann durch Pipelines oder per Zug oder LKW bzw. Schiff zu entsprechenden Lagerstätten pumpen bzw. transportieren. Solche könnten z.B. dort liegen, wo vorher Konzerne Öl oder Gas gewonnen haben. Vornehmlich unter Meeren, in gebührendem Abstand vor den Küsten. Dort kann man das CO² zusammen mit Wasser in die Tiefe pressen. Dort mineralisiert es und wird zu festem Carbonat  (CCS, Carbon Capture Storage). Das passiert z.B. seit fast zehn Jahren vor Island, wo noch große Kapazitäten zur Lagerung vorhanden sind.

Mit der von 2009 stammenden, überarbeiteten Richtlinie zur Kohlendioxid-Speicherung (CCS), nun vom Februar 2024 hat die EU einheitliche Mindestanforderungen für die CO2-Abscheidung, den -transport und  die CO²-speicherung in den Mitgliedstaaten geschaffen. Den Transport durch Pipelines will die EU fördern. Sie setzt der Wirtschaft das Ziel bis 2030 jährlich 50 Millionen Tonnen CO² unter die Erde zu verpressen und ab 2040 jährlich 250 Mill. Tonnen.

Warum das Einfangen und Lagern umstritten ist

`Wenn man das CO² einfangen und entsorgen kann, ist die Entkarbonisierung doch nicht so dringend oder vielleicht gar nicht erforderlich. Jedenfalls nicht in dem Umfang, den Umweltschützer fordern´, so die Überlegungen und Handlungen der fossilen Industrie. Dafür das Beispiel BASF: Bisher betreibt Erdgas mit sog. Steam-Crackern die Aufgabe, das Rohbenzin in einzelne Bestandteile aufzuspalten. Die Berechnungen des Konzerns ergeben, dass es wesentlich günstiger wäre, das Co² zu speichern, als die Cracker auf Wasserstoff oder Strom umzustellen.

Deshalb sind die Befürchtungen der Umweltschützer groß, dass die großen Konzerne weitermachen wie bisher. Oder sogar in größerem Ausmaß, denn die Erschließung neuer Öl- bzw. Gasfelder durch die großen Firmen weltweit geht tatsächlich munter voran.

`Wenn wir Klimaschützer uns auf die Speicherung von CO² einlassen, wird das Klima der große Verlierer sein. Denn mit dem Speichern kann man allenfalls einen kleineren Teil des weiter entstehenden CO²s dem Kreislauf entziehen´, so die grüne Argumentation.

Und Bürgerinnen und Bürger stehen der neuen Technik skeptisch bis ablehnend gegenüber – sowohl was den Bau der Pipelines angeht wie auch besonders die Lagerung an Land, aber z.T. auch auf See – je nach Entfernung zu den Küsten. Überdies sehen bekanntlich auch Umweltschützer Eingriffe in den Meeresboden sehr kritisch.

Warum eine entkarbonisierte, emissionsarme Wirtschaft dennoch eine CO²-Speicherung benötigt

1. In der Industrie fallen die größten Mengen an CO² noch in der Energieindustrie sowie in der Stahlindustrie an. Auch die Müllverbrennung erzeugt in Deutschland viel CO², sogar mehr als die Zementindustrie.

Eine in dieser Hinsicht  problematische Wirtschaft ist aber die Zementindustrie. Zwar kann man langfristig die enorme Menge an Energie, die sie in Form von Strom benötigt, durch (grünen) Wasserstoff decken. So hat sich der Anteil fossiler Energie an der Herstellung von Zement in Dtld. seit 1990 halbiert. Aber das im Prozess anfallende CO² lässt sich bisher kaum vermeiden. Weltweit betrachtet haben sich die CO²-Emissionen in sechzig Jahren seit 1963 von 186 Tonnen auf 1.569 in 2023 rasant vermehrt. Aber verschiedene Firmen arbeiten in Dtld. an unterschiedlichen Verfahren. Die sollen den CO²-Ausstoß  verringern bzw. zunächst mal abfangen, ggfs. zwischenlagern und später anderen Industrien -z.B. der Chemieindustrie anstelle von Rohöl-  zur Verfügung  stellen (S.13).

2.  Auch die Landwirtschaft gilt als ein Sektor, in dem sich die Entstehung großer CO²-Mengen nicht vermeiden lässt.

Und so gehen der Weltklimarat (IPCC) und auch die Internationale Energieagentur mittlerweile davon aus, dass die Welt bis zum Jahr 2100 viele Hundert Milliarden Tonnen CO² speichern  muss.

3.  Denn als eine dritte CO²-Quelle gilt auch all das CO², das bereits in die Atmosphäre entwichen ist und das weiter entweichen wird.

4. Die Verantwortlichen denken deshalb sogar darüber nach, dass das bereits in der Atmosphäre befindliche CO² zurückgeholt werden muss. Denn realistischerweise wird die Erderwärmung über 1,5 Grad steigen. An diesem Punkt sind wir vermutlich 2025 schon angekommen.

Die Rückholung gilt auch manchen Klimaschützern als Möglichkeit der Veränderung. Sie hoffen, das könne zur Abkühlung der Erde führen.

Wie sich Deutschlands Wirtschaft auf CO²-Minderung einstellt

Nochmal zur Zementindustrie, Punkt 1. Das CO² entsteht in großen Mengen beim Kalkbrennen, einem zentralen Schritt in der Herstellung. Dabei handelt es sich um einen chemischen Prozess. Der größte deutsche Baustoffhersteller  (Heidelberg Materials) hat im nordrhein-westfälischen Geseke die Pläne fertig, um sein dortiges Zementwerk mit dieser Technologie CCS: Carbon Capture and Storage zu dekarbonisieren: 800.000 Tonnen pro Jahr. Der EU-Innovationsfonds, eines der weltweit größten Förderprogramme für innovative kohlenstoffarme Technologien, unterstützt Heidelberg Materials dabei mit 191 Millionen Euro. Das Projekt startet am 1. Januar 2024.

Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat sich pragmatisch auf die Notwendigkeit eingestellt. Er überzeugt auch seine Partei davon, denn aus seiner Sicht ist „die Technik (dafür) reif und sicher“. Und das CO² soll „auf hoher See gespeichert werden, in der sogenannten deutschen Ausschließlichen Wirtschaftszone. Das ist ein großes Gebiet, etliche Kilometer vor der Nordseeküste“. Man könnte es aber auch in umliegende Anrainerstaaten der Nordsee pumpen, die schon länger an der Entwicklung der Speicherung arbeiten.

Schon im Januar 2024  hatte der BDI gemeinsam mit den Umweltverbänden NABU und WWF sowie dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB)  einen Appell für eine deutsche Klimaschutzstrategie veröffentlicht. Eine seltene Übereinstimmung zwischen diesen Verbänden, die nun aufgrund der drängenden Zeit gemeinsam argumentieren: Eine Strategie für das CO2-Management solle sicherstellen, „dass Elektrifizierung, Energieeffizienz, erneuerbare Energien, Kreislauf- und Wasserstoffwirtschaft sowie die Förderung natürlicher CO2-Senken „durch den Einsatz von CCS und CCU (die englischen Begriffe für die Speicherung) nicht ausgebremst werden“.

Der Strategiewechsel erfolgte nach der Einsicht der Grünen: „Erfolgreiches Überleben erfordert Veränderung statt Stagnation.“ (Viviane Raddatz vom WWF)

Deutsche Zementindustrie mit Politik zufrieden

Der Hauptgeschäftsführer des Verein deutscher Zementwerke (VDZ), Martin Schneider, hat sich mit der finanziellen Unterstützung der Bundesregierung für die Transformation ´seiner` Industrie hin zu grünem Zement sehr zufrieden gezeigt. Den CO²-Gehalt des verbauten  Zement wird man in der Zukunft ablesen können. Das bedeutet, dass öffentliche Ausschreibungen demnächst den CO²-Fußabdruck neben dem Preis zu einem weiteren Kriterium machen können.

Für die übrig bleibenden CO²-Abscheidungen ist die Zementindustrie dann auf das Leitungsnetz angewiesen, um diese in die Lagerstätten zu pumpen. Das Netz soll privatwirtschaftlich finanziert werden.

Da die Bauindustrie sortenreinen Beton eins zu eins wiederverwerten kann, ist der VDZ auch mit dem Kreislaufwirtschaftsgesetz zufrieden. Die Förderung und die verabschiedeten Gesetze schaffen sichere Rahmenbedingungen, die die Wirtschaft braucht und mit der sie gut umgehen kann. Ein seltenes, aber ausdrückliches Lob von Martin Schneider für die Politik.

Ampel-Bundesregierung legt CMS-Konzept vor

Das Bundeskabinett hat am 6. August 2024 seine `Carbon Management Strategie´(CMS) beschlossen. Das Lagern soll überwiegend in Kavernen unter der Nordsee erfolgen. Eine staatliche Förderung werde es nur „für schwer bzw. nicht vermeidbare Emissionen in der Industrie und Abfallwirtschaft“ (Müllverbrennung) geben. Schon vor 2030 will die Regierung helfen,  je ein Projekt in diesen beiden Sektoren zu realisieren. Der Aufbau des Fernleitungsnetzes müsse daher zeitnah beginnen. Bis zu Fertigstellung müsse der Transport möglichst per Schiff oder Zug erfolgen.

Nach der frühzeitigen Beendigung der Koalition fordert der CEO des weltweit zweitgrößten Zementherstellers, Heidelberg Materials (HM) im Frühjahr 2025 eine zügige Verabschiedung des fertig vorliegenden Gesetzes, das unter Federführung der Grünen ausgearbeitet worden ist. Ohne die CCS-Technologie könne die energieintensive Industrie in Deutschland nicht klimaneutral werden. Die schwarz/rote Koalition will das Gesetz, das auch regelt, welche Industriezweige die Lagerung nutzen dürfen, zügig weiter auf den Weg bringen.  Im August hat das Kabinett den Entwurf auf den Weg gebracht. Es liegt für die Regierung  jetzt sogar im „überragenden öffentlichen Interesse“. Im Sept. fand die 1. Lesung statt.

Das Ziel möchte der VDZ bis 2050 erreichen. In Norwegen hat HM in seinem Zweigwerk bereits eine CCS-Anlage eröffnet. Das CO² wird dort seit dem Sommer 2025 in der Nähe von Oslo vor der Küste verpresst. In Marokko, wo das Unternehmen ebenfalls stark agiert, will es ab 2026 das abgeschiedene CO₂ für die Produktion von Mikroalgen verwenden, beispielsweise für Tierfutter oder Düngemittel. (Africa.Table, David Renke)

Schwarz/rotes Bundeskabinett will Speicherung am Meeresboden erlauben und stellt auch für den Export Regeln auf. (Okt. 2025) Das Gesetz ist am 6.11.2025 vom Bundestag verabschiedet worden.

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Über die Autoren

Prof. Dr. Bernd-Peter Lange

Dr. Jutta Lange-Quassowski

Der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Bernd-Peter Lange studierte Rechts- und Staatswissenschaften in Bonn, wo er die 1. jur. Staatsprüfung 1963 ablegte. 1966 erwarb er den Diplom Volkswirt und wurde 1967 zum Dr. jur. promoviert.

Nach seiner Mitarbeit am Institut für Konzentrationsforschung an der Freien Universität Berlin hat er 1972 eine umfassende Analyse der Antitrust-Politik in de n USA veröffentlicht.

Zunächst war er drei Jahre als Assistenzprofessor am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der FU Berlin tätig. Von 1974 bis zu seiner Emeritierung 2004 hatte er einen Lehrstuhl für Wirtschaftstheorie an der Universität Osnabrück. Neben der Lehrtätigkeit war er stark in der akademischen Selbstverwaltungengagiert. Gleichzeitig war er Mitglied in zahlreichen Kommissionen der wissenschaftlichen Politikberatung sowohl auf der Ebene einzelner Bundesländer wie auch auf der Ebene der Bundesrepublik.

Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Medienökonomie, Technik-Folgenabschätzung und Krisenanalysen aus wirtschaftlicher, sozialer und rechtlicher Sicht.

Eine neue Aufgabe

Von Anfang 1993 bis Ende 1999 war er beurlaubt, um das Europäische Medieninstitut in Düsseldorf als dessen Generaldirektor zu leiten. Das Institut hatte Mitarbeiter aus 12 verschiedenen Ländern. Schwerpunkte der Arbeit dort waren

  • die unabhängige Beobachtung der Medien bei Wahlen in zentral- und osteuropäischen Ländern im Auftrag der EU Kommission mit mehr als 30 umfassenden Missionen
  • die jährliche Veranstaltung eines europäischen Film- und Fernsehforums, jeweils in einem anderen europäischen Land und
  • die vergleichende Medienforschung.

Er hat zahlreiche Artikel und umfassende Publikationen zu den Forschungsschwerpunkten verfasst, sowie zu den Themen des Europäischen Medieninstituts.

Er ist Inhaber des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse seit Mai 2001.

Dr. Jutta Lange-Quassowski, seine Frau ist Diplom Politologin (Berlin) und promovierte in Göttingen zum Dr. disc. pol.

Sie leitete gut 25 Jahre die Ernst-Strassmann-Stiftung. Schwerpunkt der Arbeit war die Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit.

Zusätzlich ist sie kontinuierlich ehrenamtlich tätig und ist intensiv in die Arbeit an Europaedia eingebunden.

Sie sind glücklich verheiratet und haben 3 Söhne und 3 Enkelkinder.

Fakten, Mythen und die Seele Europas.

Bei Europaedia geht es um die verständliche Präsentation von Fakten und das Hinterfragen von Narrativen. Wir wollen nicht nur Probleme aufzeigen, sondern auch die „Seele“ der europäischen Gemeinschaft – ihre Kultur und Werte.

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