Gastbeitrag von Jutta Paulus: Die Unentbehrlichkeit der Moore

Datum

11.11.2023

Lesezeit

6 Minuten

Autor

Autorin

Prof. Dr. Bernd-Peter Lange

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Über den Autor

Über die Autorin

Prof. Dr. Bernd-Peter Lange

Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Die Autorin ist Europaabgeordnete aus Rheinland-Pfalz für „Die Grünen“/EFA und Mitglied im Ausschuss für Umweltfragen, öffentliche Gesundheit und Lebensmittelsicherheit sowie stellv. Mitglied in vielen weiteren Ausschüssen

Moore schützen die Artenvielfalt, das Klima und die Umwelt

Sumpfiger Grund

Wie viele Städte in Europa wurde auch die europäische Hauptstadt Brüssel einst auf sumpfigem Grund erbaut.

Die in seichten Gewässern wachsende Sumpfblume Iris pseudacorus, auch als Gelbe Schwertlilie bekannt, ist noch heute im Wappen der Region Brüssel-Hauptstadt zu finden. Früher wuchs sie rund um die Stadtmauern. Sie verhalf den Herzögen von Brabant einst zu einem wichtigen Sieg. Die Legende besagt:  die Truppen der Herzöge konnten sicher durch die überschwemmten Felder galoppiere. Denn sie hielten sich an die von der Schwertlilie bewachsenen flachen Wasserflächen. Ihre Gegner jedoch, waren mit der sumpfigen Umgebung nicht vertraut. So sackten sie unweigerlich im Sumpf ein.

Die Bedeutung von Feuchtgebieten

Wo Menschen ihre Siedlungen errichteten, haben sie Feuchtgebiete trockengelegt, um Platz für Gebäude und landwirtschaftliche Flächen zu schaffen. Das setzt sich bis heute fort, es werden noch immer Feuchtgebiete zerstört. Feuchtgebiete wie Sümpfe und Moore spielen jedoch eine maßgebliche Rolle für die Artenvielfalt, die Umwelt und das Klima. Als natürliche Wasserspeicher sind sie auch für den Hochwasserschutz wichtig. Wegen ihrer weitreichenden Bedeutung und der schwerwiegenden Folgen ihres zunehmenden Verschwindens müssen die Anstrengungen für ihren Schutz und ihre Renaturierung verstärkt werden. Wir brauchen deshalb eine umfassende EU-Moorstrategie zum Schutz und zur Wiederherstellung unserer Feuchtgebiete.

Wiederherstellung der Natur

Als Teil der neuen EU-Biodiversitätsstrategie wird die Europäische Kommission dieses Jahr einen „Plan zur Wiederherstellung der Natur“ (Renaturierungsplan) vorlegen. Dieser soll verbindliche Ziele zur Restaurierung degradierter Ökosysteme enthalten. Ich setze mich für die Wiederherstellung insbesondere von Moorgebieten ein. Denn von diesen sind europaweit bereits mehr als 60 % zerstört worden. Dazu brauchen wir einerseits klar definierte, ehrgeizige Ziele und andererseits eine wirksame Durchsetzung der europäischen Naturschutzgesetzgebung.

Übereinkommen über die biologische Vielfalt (CBD)

Nach internationalem Recht werden Feuchtgebiete durch die Ramsar-Konvention geschützt. Dieses Abkommen basiert jedoch auf freiwilligen Selbstverpflichtungen der teilnehmenden Staaten und ist rechtlich nicht bindend. Die Biodiversität im Allgemeinen unterliegt dem Übereinkommen über die biologische Vielfalt (CBD), einem multilateralen Vertrag, der die Entwicklung nationaler Strategien zur Erhaltung und nachhaltigen Nutzung von Ökosystemen zum Ziel hat.

Dringendes Handeln geboten

Aufgrund der Covid-19-Pandemie traf die 15. UN-Biodiversitätskonferenz (CBD COP15) in Kunming das gleiche Schicksal wie die UN-Klimakonferenz (COP26) – sie musste um ein Jahr verschoben werden. Umwelt- und Klimakrise erfordern jedoch dringendes Handeln. Die Europäische Union muss daher Verantwortung und globale Führung übernehmen, um weitreichende Schutz- und Wiederherstellungsziele für Ökosysteme zu setzen.

Natürliche Kohlenstoffsenken

Auch im Hinblick auf das Erreichen der Pariser Klimaschutzziele bis 2050 und die Begrenzung der globalen Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius wird der Schutz von Feuchtgebieten essentiell sein. Insbesondere Moore tragen als natürliche Kohlenstoffsenken zur weltweiten Minderung von Treibhausgasen bei. Obwohl sie nur drei Prozent der Landmasse der Erde ausmachen, speichern sie mehr Kohlenstoff als alle Wälder der Welt zusammen.

Beschleunigung des Treibhauseffektes durch Trockenlegung

Ihre Trockenlegung zur landwirtschaftlichen Nutzung oder für die Siedlungsentwicklung führt jedoch zu mikrobieller Aktivität im nun belüfteten Boden. Dadurch kommt es zur Freisetzung des gespeicherten Kohlenstoffs als Kohlendioxid, was wiederum den Treibhauseffekt beschleunigt. Bei der Entwässerung eutropher Moore wird zusätzlich Lachgas freigesetzt, dessen Treibhausgaspotenzial im Vergleich zu CO2 fast das 300-fache beträgt.

Unverständlicherweise wird in Deutschland und den baltischen Staaten auch heute noch industriell Torf abgebaut, um ihn als Substrat für den Gemüseanbau zu verkaufen. In Finnland und Irland sind sogar torfbefeuerte Kraftwerke in Betrieb.

Beitrag zur Artenvielfalt

Moore leisten einen großen Beitrag zur Artenvielfalt und bieten einen einzigartigen Lebensraum für viele selten gewordene oder sogar regional ausgestorbene Pflanzen- und Tierarten. Auf nährstoffarmen, wassergesättigten Böden und bei niedrigen pH-Werten überleben nur „Spezialisten“ wie Sonnentau, Wollgras oder Moosbeere, die nirgendwo sonst gedeihen. Wasser- und Watvögel rasten und überwintern in Mooren und als Grundwasserfilter reinigt der Boden das Wasser.

Beispiele in Rheinland-Pfalz

Das Life-Moore-Projekt in Rheinland-Pfalz erhält die Moore in der Eifel und im Hunsrück und wertet ihre spezielle Artenvielfalt auf. Beispielsweise werden die Hangmoore am Südhang des Erbeskopfs, die vor 150 bis 200 Jahren für die Forstwirtschaft entwässert wurden, durch Verfüllung der Entwässerungsgräben und Auflichtung des Fichtenwalds schonend renaturiert.

EU-Moorstrategie

Der dringend erwartete EU-Renaturierungs-Plan ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aufgrund der komplexen Natur der Moore, ihrer überwältigenden Bedeutung und weil sie durch viele verschiedene Faktoren bedroht sind, brauchen wir jedoch eine eigene EU-Moorstrategie. Das bedeutet, bestehende Moore zu schützen und die Renaturierung von Mooren in der EU und weltweit finanziell zu fördern.

Moorschonung als Minimalstandard

Wo eine Renaturierung nicht machbar ist, müssen moorschonende Bewirtschaftungsformen unterstützt werden, wie zum Beispiel die Landwirtschaft in Form der Paludi-Kultur, der standortangepassten landwirtschaftlichen Nutzung von Mooren und Sümpfen im vernässten Zustand. So könnten wir die klimaschädliche Entwässerung beenden und gleichzeitig ökologische Produkte für Baumaterialien oder den Gartenbau hervorbringen. Außerdem brauchen wir ein Auslaufen der Nutzung von Torf als Substrat und zur Energiegewinnung.

Die EU muss den Schutz von Feuchtgebieten  in alle EU-Handelsabkommen aufnehmen. So kann sie zum Erhalt von Mooren als wichtige Kohlenstoffsenken und einzigartige Lebensräume weltweit beitragen.

Globale Standards setzen

Mit einem ausgefeilten und rechtlich verbindlichen EU-Renaturierungsplan  u n d einer EU-Moorstrategie kann die Europäische Union zu ihren Green-Deal-Zielen beitragen und Klima, Natur und Biodiversität schützen. Wie in der Klimadiplomatie haben wir jetzt die Chance, globale Standards zu setzen und den Weg zu einem nachhaltigeren und lebenswerteren Planeten zu weisen.

Anmerkungen von Europaedia: Wiedervernässung  kontra Zubetonierung

Unmittelbar nach Veröffentlichung dieses Gastbeitrages, erhielten wir zwei Nachrichten zu Mooren, die widersprüchlicher nicht sein könnten.

Die erste ist eine Aufforderung der Heinz Sielmann Stiftung, die sich seit Jahrzehnten für Renaturierung in Deutschland engagiert. Sie bittet um eine private Spende. Neben ihrem Biotopverbund Bodensee will sie 6 Hektar Land erwerben. Dort will die Stiftung durch Entfernung von Drainagen eine Wiedervernässung  erreichen. 55.000 € sind erforderlich, davon trägt ein privater Spender die Hälfte. Durch solche Aktionen dieser Stiftung ist z.B. das sog. Blaue Band durch Deutschland entstanden, das die ehemalige Zonengrenze vor dem Zugriff von Profiteuren gesichert hat.

Die zweite Nachricht kam am 5.3.21 vom NABU mit der Bitte um einen Eilbrief an den Hamburger Bürgermeister. Der Brief soll ihn auffordern,  den Bau einer 10 km langen Verbindungsautobahn durch Hamburger Gebiet zu verhindern. Denn dort befindet sich derzeit u.a. noch ein intaktes Moor. 46 Hektar würden zubetoniert, sollten die 10km Autobahn entstehen. Veranschlagte Kosten für diese Naturzerstörung sind 1.8. Mrd €.  –  Steuergeld natürlich.

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Über die Autoren

Prof. Dr. Bernd-Peter Lange

Dr. Jutta Lange-Quassowski

Der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Bernd-Peter Lange studierte Rechts- und Staatswissenschaften in Bonn, wo er die 1. jur. Staatsprüfung 1963 ablegte. 1966 erwarb er den Diplom Volkswirt und wurde 1967 zum Dr. jur. promoviert.

Nach seiner Mitarbeit am Institut für Konzentrationsforschung an der Freien Universität Berlin hat er 1972 eine umfassende Analyse der Antitrust-Politik in de n USA veröffentlicht.

Zunächst war er drei Jahre als Assistenzprofessor am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der FU Berlin tätig. Von 1974 bis zu seiner Emeritierung 2004 hatte er einen Lehrstuhl für Wirtschaftstheorie an der Universität Osnabrück. Neben der Lehrtätigkeit war er stark in der akademischen Selbstverwaltungengagiert. Gleichzeitig war er Mitglied in zahlreichen Kommissionen der wissenschaftlichen Politikberatung sowohl auf der Ebene einzelner Bundesländer wie auch auf der Ebene der Bundesrepublik.

Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Medienökonomie, Technik-Folgenabschätzung und Krisenanalysen aus wirtschaftlicher, sozialer und rechtlicher Sicht.

Eine neue Aufgabe

Von Anfang 1993 bis Ende 1999 war er beurlaubt, um das Europäische Medieninstitut in Düsseldorf als dessen Generaldirektor zu leiten. Das Institut hatte Mitarbeiter aus 12 verschiedenen Ländern. Schwerpunkte der Arbeit dort waren

  • die unabhängige Beobachtung der Medien bei Wahlen in zentral- und osteuropäischen Ländern im Auftrag der EU Kommission mit mehr als 30 umfassenden Missionen
  • die jährliche Veranstaltung eines europäischen Film- und Fernsehforums, jeweils in einem anderen europäischen Land und
  • die vergleichende Medienforschung.

Er hat zahlreiche Artikel und umfassende Publikationen zu den Forschungsschwerpunkten verfasst, sowie zu den Themen des Europäischen Medieninstituts.

Er ist Inhaber des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse seit Mai 2001.

Dr. Jutta Lange-Quassowski, seine Frau ist Diplom Politologin (Berlin) und promovierte in Göttingen zum Dr. disc. pol.

Sie leitete gut 25 Jahre die Ernst-Strassmann-Stiftung. Schwerpunkt der Arbeit war die Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit.

Zusätzlich ist sie kontinuierlich ehrenamtlich tätig und ist intensiv in die Arbeit an Europaedia eingebunden.

Sie sind glücklich verheiratet und haben 3 Söhne und 3 Enkelkinder.

Fakten, Mythen und die Seele Europas.

Bei Europaedia geht es um die verständliche Präsentation von Fakten und das Hinterfragen von Narrativen. Wir wollen nicht nur Probleme aufzeigen, sondern auch die „Seele“ der europäischen Gemeinschaft – ihre Kultur und Werte.

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